Anfangs fühlte sich Vegetarier-Sein echt fantastisch an. Ganz und gar unbeteiligt zu sein am Leid und am Tod von denkenden und fühlenden Lebewesen, das war ein tolles Gefühl. Richtig befreiend. Ich dachte mir: »Die Bio-Eier hole ich beim Bauern um die Ecke. Hennen und Gockel haben dort ein erstklassiges Leben auf ihrer riesigen Wiese. Ja, und beim Käse achte ich auch darauf, woher er kommt. Den Kühen hier bei uns geht es doch gut. Ich hab doch selbst in den Kuhstall reingesehen. Die Tiere können sich da frei bewegen. Sogar ein Massagerad für den Rücken haben sie. Raus auf die Wiese dürfen sie auch alle.«
Ich nickte selbstzufrieden. »Da ich mich vegetarisch ernähre, muss für mich kein Tier leiden oder gar sterben. Und Pelz kaufe ich sowieso keinen.«
Ja, das fühlte sich großartig an. Doch ich hatte das Schicksal der Milchkälber vergessen und wusste noch nichts vom Schreddern oder Vergasen der Eintagsküken. Auch die grauenhafte
Hühnerquälerei in der Käfig- und Bodenhaltung war mir unbekannt.
Bereits im Sommer 1992 hatte ich ein einschneidendes Erlebnis, das noch Jahre später in mir fortwirkte.
Mein Freund Christoph und ich waren mit dem Wagen nach Málaga unterwegs, weil wir dort Urlaub machen wollten. Auf der Höhe von Lyon gerieten wir in einen Stau. Wir steckten in der prallen Mittagsglut auf der zweispurigen Autobahn fest und kamen nur zäh voran.
Ich zündete mir eine Zigarette an und sah durch die Windschutzscheibe. »Wir sind auf der Überholspur und die neben uns können fahren.«
Christoph trommelte genervt mit den Fingern auf dem Lenkrad, schaute mich übellaunig an und stöhnte. »Jaja, wird schon wieder weitergehen ...«
Nach einiger Zeit tauchte ein Lastwagen neben uns auf. Ich schaute aus dem offenen Beifahrerfenster und sah direkt in die Augen eines Kalbs. Es starrte mich durch die horizontalen Luftschlitze der stählernen Seitenverkleidung des Transporters an. Sein Blick wollte nicht von mir ablassen. Minuten kamen mir vor wie eine Ewigkeit. Und die Ewigkeit wurde zur Qual. Ich konnte nicht mehr und wandte mich ab.
Ich zürnte und dachte: »Wenigstens in die Augen schauen kannst du ihm. Die fahren jetzt alle zum Schlachthof. Wasser haben die auch keines.«
Natürlich wusste ich damals schon, dass die Kälber kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt werden. Milchbetriebe sind eben in erster Linie Wirtschaftsbetriebe. Damit die Kühe dauerhaft genügend Milch geben, müssen sie einmal im Jahr kalben. Die Aufzucht der Kälber rentiert sich jedoch für viele Betriebe nicht, weshalb die meisten bereits nach den ersten Monaten geschlachtet werden.
Bei dem Gedanken daran blutete mir die Seele. Doch ich riss mich zusammen und sah dem Kalb in die Augen. Ich konnte seine Angst sehen. Es flehte mich um Hilfe an, die ganze Zeit. Dann tat sich eine Lücke vor uns auf und Christoph fuhr ein paar Meter weiter, sodass das Kalb aus meinem Blickfeld verschwand.
»Hast du das eben mitbekommen? Der Transporter neben uns? Da war ein Kalb, es hat mich die ganze Zeit angesehen. Brutal! Herzzerreißend! Boah! Das ist mir jetzt echt an die Nieren gegangen.«
»Warum?«, fragte Christoph. »Sind doch bloß Viecher.«
»Viecher?«, wiederholte ich. »Das sind empfindsame Lebewesen mit Hoffnungen, Ängsten und Träumen. Die können sich auch freuen oder traurig sein.«
»Freuen?« Christoph lächelte milde.
»Ja, freuen. Ich war mal bei einem Almabtrieb dabei. Kannst du dir vorstellen, wie stolz die Kühe ihre geschmückten Hörner tragen? Und wenn sie nach dem langen, langweiligen Winter im Stall das erste Mal in den Frühling hinausstürmen, schlagen sie vor Freude mit den Hinterbeinen aus. Leider werden die Kälber gleich nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Das ist echt beinhart. Das Blöken der Kälber und Mutterkühe, die im Stall nach einander rufen, das bricht einem fast das Herz, sage ich dir.«
»Martin, Martin.« Christoph schmunzelte. »Ich wusste gar nicht, dass du so zart besaitet bist.«
»Du hast doch keine Ahnung!« Ich schüttelte den Kopf. »Als Kind habe ich mal auf einem Bauernhof gearbeitet.«
»Eben«, meinte Christoph trocken. »Dann weißt du ja, wie der Hase läuft.«
»Sei’s drum. Durchpusten. Loslassen. Abhaken. Auf andere Gedanken kommen. Wie sagt man so schön? Aus den Augen, aus dem Sinn.« Ich atmete tief durch und dachte: »Ich freue mich jetzt auf Málaga.«
Doch mein schlechtes Gewissen nagte an mir, ließ mir keine Ruhe. Während es auf der Autobahn nur schleppend voranging, erinnerte ich mich an meine Zeit auf dem Bauernhof. Damals,
als zehnjähriger Bub, hatte ich ein Schwein auf einen Schlachttransporter hinaufgetrieben. Das Tier weigerte sich, die Rampe hochzugehen, und ich verpasste ihm einen Tritt in den Allerwertesten.
Ich empfand kaum Mitleid mit diesem Lebewesen.
Dafür, und für den Tritt, schäme ich mich bis heute. Mit meiner offen demonstrierten Empathielosigkeit wollte ich dem Bauern imponieren. Doch der tadelte mich mit den Worten:
»Nicht treten. Da hinten kommt das Schnitzel her. So machst du das Fleisch kaputt.«
Ein paar Minuten später tauchte der Tiertransporter wieder neben mir auf. Ich sah erneut in die Augen des Kalbs und dachte: »Wie gern würde ich dir helfen, doch mir sind die Hände gebunden. Es tut mir leid, mein Freund. Dein Schicksal ist besiegelt. Ich kann dir unmöglich helfen.«
Diese herzzerreißende Szene wiederholte sich noch einige Male. Einmal fuhr der Lastwagen ein paar Meter weiter, sodass ich das Kalb aus den Augen verlor. Ein anderes Mal schloss Christoph so weit auf, dass das Kalb auf Höhe des Beifahrerfensters erschien. Dann verschwand es wieder.
Dieses eingepferchte Kalb, das mich anflehte und all seine Hoffnung in mich setzte, verfolgt mich bis heute. Ich konnte es damals nicht retten. Aber heute, 29 Jahre später, sage ich mir: »An einer veganen Ernährung führt eigentlich kein Weg vorbei. Das kannst du drehen und wenden, wie du willst. Ich nehme mich heraus aus dieser grausamen und qualvollen Maschinerie des Todes!«
Also fasste ich einen Entschluss. »Besser spät als nie«, stellte ich beschämt fest. »Ich glaube an Karma und an etwas, das alles Leben miteinander verbindet. Ich kann nicht anders, als mein Verhalten zu ändern. Ich will nicht länger mitverantwortlich sein für das entsetzliche Leid von denkenden und fühlenden Lebewesen. Ich muss einfach etwas tun. Ich kann es spüren. Es ist ganz tief in mir drin.«
